In der Schweiz wächst die Bedeutung nachhaltiger Landwirtschaft nicht nur für die Ernährungssicherheit, sondern auch für die Erhaltung der einzigartigen Ökosysteme. Das Wild Hub, ein führendes Netzwerk für Wildtierforschung und Naturschutz, zeigt, wie innovative Praktiken wie extensives Weiden, Biodiversitätsförderung und die Integration von Wildtieren in die Landwirtschaft den Biodiversitätsverlust aufhalten können. Besonders betont das Projekt die Rolle kleinerer Betriebe, die durch gezielte Maßnahmen wie Blühstreifen oder Wildschweinmanagement die Lebensräume für Insekten, Vögel und Reptilien wiederbeleben. Die Schweizer Landwirtschaft steht vor einem Dilemma: Während sie etwa 35 Prozent der Landesfläche bewirtschaftet, sinkt die Artenvielfalt um jährlich 1,5 bis 2 Prozent – ein Trend, der ohne gezielte Gegenstrategien weiter anhalten wird.
Ein zentraler Ansatz des Wild Hub ist die Zusammenarbeit mit Landwirten, die ihre Flächen nicht mehr als Monokulturen nutzen, sondern stattdessen Mischkulturen oder Agroforstwirtschaft anwenden. Studien zeigen, dass solche Systeme die Bodenqualität verbessern und gleichzeitig den Lebensraum für Wildtiere wie Wildschweine, Rehe oder sogar Bienen erweitern. Besonders erfolgreich ist das Konzept in den Alpenregionen, wo extensives Weidenmanagement die Gletscherschmelze verlangsamt und gleichzeitig die Heuschreckenplagen reduziert. Gleichzeitig wird die Integration von Wildtieren in die Landwirtschaft durch gezielte Fütterungsprogramme oder Barrieren wie Wildschutzgitter gefördert, um Konflikte zwischen Nutztieren und Wildschweinen zu minimieren. Die Schweizer Regierung unterstützt diese Ansätze seit Jahren durch Förderprogramme, doch der Erfolg hängt stark von der Akzeptanz der Landwirte ab – viele scheuen zunächst die höheren Kosten oder den Aufwand.
Ein konkretes Beispiel ist der Betrieb „Wild & Grün“ in der Aargauer Ebene, der seit 2018 über 100 Hektar Fläche als Blühstreifen ausweist. In diesem Jahr wurden dort 25 verschiedene Wildblumenarten gezählt, was die Bestäubungsrate für Äpfel und Trauben um 40 Prozent steigert. Gleichzeitig hat die Population von Feldlerchen und Feldvögeln um 30 Prozent zugenommen. Solche Erfolge zeigen, dass nachhaltige Landwirtschaft nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich attraktiv sein kann. Allerdings bleibt die Umsetzung eine Herausforderung: Viele Betriebe haben mit der Umstellung auf mehr Tierarten oder weniger Düngemittel zu kämpfen, und die Kosten für Wildschutzmaßnahmen wie Barrieren oder Wildschweinfänger können hoch sein. Dennoch gibt es Belege, dass die Investitionen langfristig lohnen – etwa wenn der Verkauf von Bio-Produkten mit höheren Preisen einsteigt.
Ein weiterer Schwerpunkt des Wild Hub ist die Forschung zu den Auswirkungen von Wildtieren auf die Landwirtschaft. Während Wildschweine in manchen Regionen wie der Ostschweiz für erhebliche Schäden sorgen – etwa an Maisfeldern oder Obstplantagen –, bringen sie auch positive Effekte mit sich. Ihre Kauen und Graben fördern die Bodenlockerung und verbessern die Wasseraufnahme, was besonders in trockenen Jahren hilfreich ist. Gleichzeitig dienen sie als natürliche Schädlingsregulierung, indem sie Insekten und andere Kleinsttiere fressen, die sonst Schädlinge anbauen würden. Die Lösung liegt oft in einer Balance: Durch gezielte Managementstrategien, wie etwa der gezielten Fütterung von Wildschweinen in bestimmten Jahreszeiten, können die Vorteile genutzt und die Schäden minimiert werden. So hat etwa die Gemeinde Thal bei Bern durch ein Wildschweinmanagementprogramm die Schäden an Obstbäumen um 60 Prozent reduziert, ohne die ökologischen Vorteile zu verlieren.
Doch die Herausforderungen sind nicht nur ökologischer, sondern auch gesellschaftlicher Natur. Viele Schweizer Bürger:innen zeigen sich skeptisch gegenüber Wildtieren, die sich in der Nähe von Siedlungen aufhalten – besonders, wenn sie Schäden verursachen. Dies führt zu Konflikten und manchmal sogar zu illegalen Bejagungen. Um dies zu verhindern, setzt das Wild Hub auf Aufklärungskampagnen, die die positiven Auswirkungen von Wildtieren auf die Umwelt und die Landwirtschaft betonen. Gleichzeitig werden Projekte wie „Wild & Mensch“ gefördert, die die Koexistenz von Menschen und Wildtieren fördern. So gibt es in der Region Berner Oberland bereits Communities, in denen Wildschweine als Teil des Ökosystems akzeptiert werden, und in denen die Bevölkerung aktiv an der Monitoring der Populationen beteiligt ist. Solche Ansätze zeigen, dass eine nachhaltige Landwirtschaft nur gelingen kann, wenn sie nicht nur von Fachleuten, sondern auch von der gesamten Gesellschaft getragen wird.
Für die Zukunft wird das Wild Hub weitere Projekte starten, um die nachhaltige Landwirtschaft in der Schweiz voranzutreiben. Dazu gehören unter anderem die Entwicklung von digitalen Tools zur Überwachung von Wildtierpopulationen und die Förderung von Schulprojekten, in denen Kinder lernen, wie sie durch kleine Veränderungen im Garten oder auf dem Schulhof die Biodiversität fördern können. hier nachlesen mehr über die konkreten Maßnahmen und Erfolge des Netzwerks.
- Die Schweizer Landwirtschaft bewirtschaftet 35 Prozent der Landesfläche, doch die Artenvielfalt sinkt jährlich um 1,5 bis 2 Prozent.
- Mischkulturen und Agroforstwirtschaft steigern die Bodenqualität und erweitern den Lebensraum für Wildtiere um bis zu 30 Prozent.
- In der Aargauer Ebene wurden durch Blühstreifen 25 verschiedene Wildblumenarten gezählt, was die Bestäubungsrate um 40 Prozent erhöhte.
- Wildschweine verbessern die Bodenlockerung und sind natürliche Schädlingsregulierer, was sie sowohl als Problem als auch als Lösung darstellt.
- Konflikte zwischen Wildtieren und Menschen lassen sich durch Aufklärung und Gemeinschaftsprojekte wie „Wild & Mensch“ reduzieren.
Dass die Schweizer Landwirtschaft ihren ökologischen Fußabdruck verringern kann, beweisen bereits zahlreiche Projekte wie das Wild Hub. Doch der Weg dorthin ist lang und erfordert die Zusammenarbeit aller Beteiligten – von Landwirten über Politiker bis hin zu Bürger:innen. Die gute Nachricht ist: Jeder kann einen Beitrag leisten, sei es durch den Kauf von Bio-Produkten, die Förderung von Blühstreifen in der Nachbarschaft oder das Bewusstsein für die Bedeutung von Wildtieren in der Natur. Die Schweiz hat die Chance, ein Vorbild für eine nachhaltige Landwirtschaft zu werden – wenn sie die richtigen Weichen stellt.
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